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Wie ticken Comic-Verlage?

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Interviews vom Comic-Salon 2014 - Teil 2
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GrBa_S - 07.09.16 13:01
Der Splitter Verlag steht vor allem für Fantasy. Einen ausführlichen Einblick in die Verlags-Philosophie findet ihr im Interview mit Horst Gotta, einem der Mitinhaber und Zeichner auf www.totleger.org/interviews. Hier ein Ausschnitt:

- Beim Durchblättern der Leseproben auf eurer Homepage habe ich folgenden Eindruck von eurem Programm gewonnen: es sind überwiegend düstere, oder sagen wir mystische Geschichten, sowie Abenteuerstorys, und sie sind häufig bunt, aquarellig gehalten, eher weniger schwarz-weiß. Stimmt das so?
H.G.: Ja, obwohl ich es vielleicht ein bisschen anders ausdrücken würde: Wir kommen ja letztendlich aus dem Science-Fiction und Fantasy-Bereich; das ist unsere Tradition, da sind wir gestartet, und da kommen wir auch selbst als Künstler her. Und düster… die Fantasy hat halt im Moment diesen düsteren Trend; die Drachen sind nicht mehr so freundlich, die Zombies sind aufgetaucht. Wir suchen da nicht bewusst nach düsteren Themen, das ist eher der Trend draußen am Markt.

[...]
- Bei der Serie „Legende der Drachenritter“ bleibt der Autor gleich, aber für jeden Band steht ein anderer Zeichner, bei „Elfen“ ist es jedes Mal ein völlig neues Autoren-/Zeichner-Duo: Ist das ungewöhnlich oder normal in der Comicwelt bei solchen auf viele Bände angelegten Universen?
H.G.: Das kann man tatsächlich schon als normal bezeichnen. Es ist ein Trend, der vor ca. zehn Jahren gestartet wurde, ich nenne das Konzept-Serien, also Serien, die von Vornherein auf Kontinuität, auf Output, viele Bände und rasche Erscheinungsabfolge angelegt werden. Es gibt verschiedene Gründe, das dann mit wechselnden Zeichner/Autorenteams durchzuführen: Die einzelnen Bände können schneller erscheinen, wenn mehrere Personen daran arbeiten, manchmal wollen sich auch die Künstler z.B. nur auf ein Jahr festlegen. Manchmal gibt es aber auch von der Geschichte her Gründe. Bei der „Legende der Drachenritter“ handelt es sich übrigens um ein Autorenduo, und die beiden haben die Serie von Anfang an so festgelegt, dass sie immer von neuen Künstlern belebt werden sollte, damit immer wieder neue Akzente ins Spiel kommen. Grundmotiv ist ja, dass nur Jungfrauen Drachen besiegen können, und bei diesem Thema kann immer ein anderer Akzent in den Vordergrund gestellt werden: mal das Jungfräuliche, mal die Drachen, mal das Gesellschaftliche. Die Geschichten haben also ganz unterschiedliche Ansätze rund um dieselbe Grundidee. Also ganz bewusst eine Konzept-Serie, um der Serie grafisches und inhaltliches Leben einzuhauchen. [...]

- Trägt das zum Erfolg dieser Serien bei?
H.G.: Ja, weil die Leserinnen und Leser natürlich ungerne zwei Jahre auf den nächsten Band warten, wenn sie sich einmal mit einer Serie angefreundet haben. In diesem Sinne ist der Markt auch schnelllebiger geworden, und es trägt auf jeden Fall zum Erfolg einer Serie bei, wenn der Leser von Anfang an weiß, dass hier mit schnellen Nachfolgebänden zu rechnen ist: Weil sie schneller erscheinen, binden sie ihre Fanbase besser.

- Kurz zurück zu eurer Geschichte: Es gab schon einmal einen Splitter Verlag, und der jetzige wurde 2006 neu gegründet – wie war das genau?
H.G.: Wir haben vom alten Splitter Verlag nur den Namen übernommen und das traditionelle Segment – Fantasy; das ist auch der Grund, weswegen wir diesen Namen haben wollten. Geschäftlich hat der jetzige Splitter Verlag nichts mit dem alten zu tun. [...] Dieses Jahr feiern wir also unser 10jähriges Jubiläum, und wir haben beschlossen, das nicht auf einen bestimmten Tag zu konzentrieren sondern über das ganze Jahr 2016 mit zehn Sondereditionen zu verstreuen, z.B. mit der Herausgabe der Gesamtausgabe von Dirks „Indigo“-Reihe. Unser eigenes zeichnerisches Schaffen haben wir ansonsten sehr zurückgefahren zugunsten der verlegerischen Tätigkeit – das war anfangs nicht so geplant gewesen, hat sich aber rasch so entwickelt, weil wir mit den Lizenzeinkäufen großen Erfolg hatten und dann schnell nachlegen mussten. [...] Das Besondere ist ja auch, dass alle unsere Titel lieferbar sind. Auch das ist anders als bei anderen Verlagen: Unsere Backlist macht mittlerweile 80% unseres Umsatzes aus - bei den meisten anderen Verlagen ist es umgekehrt, die müssen ihren Umsatz über die Neuerscheinungen generieren. Das war damals auch eine bewusste Entscheidung, es anders zu machen als alle anderen.

- Dabei habt ihr habt den Fokus eher auf internationale als auf deutschen Künstlern gerichtet: Stimmt das, und warum ist das so?
H.G.: Ja, der Lizenzeinkauf ist zwingend, weil man vom deutschen Markt her nichts generieren kann, wovon man leben könnte. 80% kaufen wir im franko-belgischen Bereich ein, 10% im amerikanischen, und den Rest machen dann 10% aus. [...] Als deutsche Künstler zu nennen wären z.B. Ingo Römling oder die Reihe „Das Wolkenvolk“, eine Adaption von Kai Meyers Romantrilogie. Wir haben die Comicversion einmal in sechs Alben und, für den Buchhandel, in drei Büchern herausgebracht. Dirk und ich haben anfangs daran als Zeichner mitgearbeitet, Hauptzeichner war jedoch Ralf Schlüter. Yann Krehl hatte zuvor die Textadaption vom Roman für den Comic geschrieben. Solche Projekte machen wir öfter, also Romanrechte einkaufen um daraus Comic-Adaptionen zu machen. Kai Meyers „Frostfeuer“-Trilogie mit Marie Sann als Zeichnerin ist ein weiteres Beispiel, oder die Adaption von Markus Heitz‘ Romanreihe „Die Zwerge“. Viele Autoren stellen sich ihre Werke ja beim Schreiben bildlich vor und sind oft froh über die Möglichkeit, einen Comic daraus machen lassen zu können.

- Mein Eindruck ist, dass das Publikum für Comics & Graphic Novels nach wie vor eher gering ist – es gibt zwar möglicherweise mehr gute Comics heute in Deutschland, aber die Anzahl der Leser hat sich nicht im gleichen Schritt mit vergrößert. Siehst du das auch so?
H.G.: Wir haben eigentlich andere Erfahrungen gemacht. In den zehn Jahren unseres Bestehens haben wir eigentlich alles hinbekommen, von dem es vorher hieß, das sei nicht möglich. Wir haben z.B. abgesprungene Leser wieder re-aktiviert, und wir haben auch neue Leserschaften generieren können, zusätzlich zur Basis der treuen Comicleser, die immer schon Comics gelesen haben. [...] Wir haben die Comics erwachsen gemacht, so wie die Leserinnen und Leser erwachsen geworden sind [...] Leserinnen und Leser mit Inhalten abzuholen – im Sinne von grafischen Inhalten – erfordert aber auch eine gewisse Lesekompetenz: Ob man jemanden neu als Comicleser gewinnen kann, der noch nie in seinem Leben ein Comic gelesen hat, würde ich bezweifeln, aber wir haben viele Leser, die sagen, ich habe als Kind Comics gelesen und lese jetzt wieder welche [...].
[...]
Die Graphic Novel verfolgt ja einen anderen Ansatz als die Alben: Zu 80-90% nimmt sie sich ein kulturelles, soziales populäres Thema vor, über das dann die Interessenten bzw. Leser gebunden werden sollen – das ist typisch für fast alle Graphic Novels.

- Die Graphic Novels finden ihre Leser also über die Thematik – aber ist da bei den Alben nicht genauso?
H.G.: Die Alben haben im Prinzip ihr eigenes originäres Leben, das mit dem, was in der Welt stattfindet, mit dem tagespolitischen Geschäft, nur zweitrangig zu tun hat. Hinzukommt, dass die Alben ja als Serien angelegt sind, und das bedingt einfach, dass die Figuren, Handlungsorte, Erzählungen eigenständiger sind. Graphic Novels nehmen sich im Gegensatz dazu ein populäres Thema vor; häufig – nicht immer – sozialen Sprengstoff, Reizthemen, und aus diesen Themen heraus erklärt sich in den meisten Fällen der Erfolg der Graphic Novels. Das schmälert nicht die künstlerische Leistung, aber das ist konzeptionell einfach etwas anderes. Daraus erklären sich dann auch wieder die Vor- und Nachteile der Graphic Novel. Ein Vorteil ist, ich kann Menschen damit ansprechen, die ich sonst nie erreichen würde. Der Haken dabei: In der Regel sind diese Menschen auch nur an diesem einen speziellen Comic bzw. der Graphic Novel interessiert, das heißt, die werden in der Regel keine Serienleser. Und aus Verlegersicht heißt das: Alles, was erfolgreich ist, Leserinnen und Leser bindet, ist auf Fortsetzung angelegt. [...]

- Bringt ihr eure Bücher aus als e-books heraus?
H.G.: Im Splitter-Programm haben wir zurzeit um die 50 Titel als e-books, im toonfish-Programm um die 70, überwiegend die „Schlümpfe“, da ist es auch von den Lizenzgebern durchaus gewollt, die Popularität der Schlümpfe auf allen Feldern auszunutzen. [...]
Aber das e-book-Geschäft zündet im Albenmarkt nicht, im Gegenteil, es geht sogar zurück. In der derzeitigen Ausprägung ist der Abstand zum Album wohl zu groß und wird sich vielleicht sogar noch vergrößern, denn die Alben nehmen ihren Weg eher zum Veredeln, zum Hochwertigen, während bei e-books ja von Leserseite aus die Erwartung besteht, dass Download-Produkte günstig sein sollten. [...] Das große Format der Alben im Gegensatz zu den kleinen mobilen Geräten stellt außerdem einen weiteren Schutzfaktor dar.
Früher hat man oft geglaubt, dass die Leserschaft den Stoff irgendwann nur noch auf elektronischen Geräten hat und dann damit zufrieden ist, ähnlich wie bei Musik: Da kann der Durchschnittshörer nicht unbedingt unterscheiden, ob die Musik, die ihm gerade vorgespielt wird, von einer CD kommt oder ein Download oder Streaming-Abo ist. Aber bei Comics ist das eben nicht dasselbe. [...]

- Letzte Frage: Was wünscht du dir für die deutsche Comicszene in den nächsten Jahren?
H.G.: Wir sind ja davon überzeugt, dass der Comic eine Kunstform ist. Und da würde ich mir wünschen, dass das auch im Kulturbetrieb und in der Kulturpolitik, mehr anerkannt würde, auch, wie hochwertig die Comickultur ist. [...] Ich vergleiche einen Roman z.B. mit der Stimme eines einzelnen Instrumentes, einem guten Solo. Ein komplexer, gut erzählter Comic ist dagegen ein großartiges Konzert. Und deshalb sollten auch die Kulturminister und die Medien sich stärker einsetzen für diese Kunstform. Aktuell ist es so, dass vielleicht die Graphic Novels als literarische Werke betrachtet werden – alle anderen Comics werden nach wie vor als „bloßer Kinderkram“ abgetan. Aber als ich meinen ersten franko-belgischen Comic gelesen habe, mit elf Jahren, war das auch der letzte Tag, an dem ich „Micky Maus“ gelesen habe! Und trotzdem habe ich seither fast jeden Tag einen Comic gelesen. Also, man kann auch als Erwachsener sehr gut Comics lesen, ohne bei „Micky Maus“ stehen zu bleiben! Diese Erkenntnis sollte sich unbedingt weiter verbreiten und durchsetzen.


Weitere Informationen auch unter:
http://www.splitter-verlag.eu
 
GrBa_S - 10.08.16 13:25
Womit sich angehende Comickünstlerinnen und -künstler unbedingt beschäftigen sollten, ist neben dem Zeichnen z.B. auch die Dramaturgie vom Geschichtenerzählen. Das rät Jutta Harms vom Reprodukt Verlag. Das ausführliche Interview findet Ihr auf www.totleger.org/interviews
Hier ein Ausschnitt:

- In eurem Verlagsporträt auf eurer Homepage schreibt ihr, dass eure Zeichner v.a. aus der Independent-Szene kommen und nicht die klassischen Comicthemen bedienen. Das heißt, welche Themen findet man bei euch nicht?
J.H.: Indie-Szene kann man insofern sagen, als dass unsere Autoren genau das sind, nämlich Autoren. Das heißt, wir geben keine Themen in Auftrag. Wenn man sich im Gegensatz dazu amerikanische Serien anschaut oder in Deutschland die „Abrafaxe“, dann sind das vorgegebene Geschichten, Produkte der Unterhaltungsindustrie – die wir auch mögen und schätzen, aber unser Schwerpunkt ist eben der Autorencomic. Und da sind alle Themen möglich, von Action und Science-Fiction bis hin zu psychologischen Studien und Familiengeschichten. [...]

- Seit 2013 habt ihr auch Comics für Kinder im Programm. Ab welchem Alter sind denn eure Comics?
J.H.: Unsere jüngsten Leserinnen und Leser sind zwei Jahre alt: Die „Strubbel“-Geschichten sind wortlos, und wenn die Kinder daran interessiert sind, können sie die schon mit zwei Jahren „lesen“ – andere sind vielleicht erst mit drei Jahren soweit. Und für Erstleser ab sechs Jahren haben wir z.B. unsere „Kiste“-Reihe von Uwe Heidschötter und Patrick Wirbeleit.

[...]
- Bietet Ihr eure Comics auch als e-books an?
J.H.: Nein, das hätte keinen Sinn. Der e-book-Absatz im Comicbereich ist verschwindend gering. Wir können das auch gar nicht machen, zum einen wollen das viele Autoren nicht, und dazu kommt, dass es auch gar keine Lesegeräte gibt, die die Comics gescheit darstellen. Zumal viele Seiten von vornherein als Doppelseiten angelegt sind, und dafür sind alle Lesegeräte definitiv zu klein. Wenn es irgendwann einmal Zeichnerinnen und Zeichner gibt, die gezielt darauf hinarbeiten, ist das etwas anderes. Aber von den bestehenden Comics pdfs fürs iPad anzubieten oder ähnliches, das interessiert uns nicht; und unsere Zeichnerinnen und Zeichner wollen das zum Teil auch gar nicht. [...]

- Eines eurer Markenzeichen ist ja das Handlettering. Ist jeder Titel bei euch handgelettert?
J.H.: Nicht jeder. Grundsätzlich versuchen wir das zu machen, wenn die Originalausgabe handgelettert ist. Wenn wir also einen Lizenztitel aus Frankreich oder aus anderen Ländern veröffentlichen, dann orientieren wir uns daran, ob das Original von Hand gelettert ist oder nicht. Und unsere deutschen Zeichnerinnen und Zeichner lettern meistens selbst, es gibt nur ganz wenige, die lieber einen Fonts benutzen. [...]

- Wie ist denn das zahlenmäßige Verhältnis von internationalen zu deutschen Künstlern bei euch?
J.H.: Noch überwiegen die Lizenzen, wir möchten aber den Anteil unserer Eigenproduktionen auf jeden Fall noch erhöhen. Zum einen macht die Zusammenarbeit einfach großen Spaß: Wenn das Lektorat bei der Umsetzung der Geschichten helfen kann, und da kommen tolle Bücher bei heraus.
[...]

- Was sind für dich Merkmale eines guten Comics? Wann bleibst du persönlich an einem Comic hängen?
J.H.: Die Erzählung muss stimmig sein, auf grafischer und textlicher Ebene. Wenn die Geschichte toll ist und die Zeichnungen sind’s nicht oder umgekehrt, ist es schon vorbei. Das können aber ganz unterschiedliche Stile und Geschichten sein, die mir gefallen. Ich mag gerne Stoffe, die in irgendeiner Weise vom Alltag inspiriert sind, wie z.B. „The Artist“ von Anna Haifisch, ein sehr witziger Comic über das Künstlerleben: The Artist ist ein vogelartiges Wesen, bei dem man nicht erkennen kann ob es Männlein oder Weiblein ist. [...]

- Das heißt, Text und Bild müssen eine Einheit bilden, und man muss dem Ganzen das Herzblut ansehen?
J.H.: Den Ausdruck „Herzblut“ mag ich in diesem Zusammenhang nicht so gern. Es geht nicht um „Herzblut“, sondern es geht ums Können! Die Dramaturgie muss stimmen und die zeichnerische Umsetzung muss stimmen. Das Erzählen in Comics kann man lernen – das möchte ich vielen Leuten ans Herz legen, die sich professionalisieren wollen. Damit meine ich nicht, dass sie sich irgendeinen einheitlichen Stil überstülpen lassen, sondern dass man lernen kann, wie man seine Geschichte in einem Comic am besten erzählt, im Hinblick auf Aufbau, Dramaturgie und Spannungsbögen. Und das hat eher mit Fertigkeiten zu tun als mit „Herzblut“.
[...]

Weitere Informationen im Netz auch unter:
http://www.reprodukt.com
 
GrBa_S - 01.10.14 13:11
Was ist ein guter Comic? Stefan Dinter vom Zwerchfell Verlag gibt dazu eine sehr schöne, ausführliche Antwort. Und erzählt noch viel mehr Interessantes, Wissenswertes für NachwuchscomickünstlerInnen! Hier einige Auszüge, das komplette Interview gibt's unter http://www.totleger.org.

- In einer eurer Broschüren - siehe auch http://www.survivor-girl.de - bezeichnet ihr euch als einen der letzten Independent-Comic-Verlage Deutschlands. Wie ist das gemeint?
S.D.: Ach, eigentlich sind wir eher einer der ersten deutschen Indie-Verlage, weil es uns tatsächlich schon seit 1988 gibt! Den Begriff Independent oder Indie haben wir dabei aus der Musikszene übernommen, er ist uns lieber als z.B. die Bezeichnungen Kleinverlag oder Küchentischverlag. Comics heißen ja heutzutage auch Graphic Novels (lacht)! [...] Sei professionell, aber sei unabhängig, mache es so gut wie du kannst, aber mache es auf deine eigene Art – das ist so unsere Verlagsphilosophie. [...]

- Dann erzähle doch bitte kurz etwas über euer aktuelles Programm!
S.D.: Gerne! Aktuell hervorheben möchte ich zum einen „Ach, so ist das“, eine Sammlung biographischer Comic-Reportagen: Martina Schradi hat dafür Homo-, Bi- oder Transsexuelle zu ihrer Geschlechteridentität und ihren gesellschaftlichen Erfahrungen befragt[...]. Und dann „Wie weit“ von Howard Hardiman, das auf Interviews basiert, die Hardiman mit Londoner Callboys geführt hat. [...]
Weitere wichtige Titel sind „Die Zeit und Gott“ von Aike Arndt sowie Tim Gaedke mit „Punchdrunk“.
Unsere großen Seller sind natürlich „Das Leben ist kein Ponyhof“ von Sarah Burrini sowie die von uns konzipierte Serie „Die Toten“, an der verschiedene Zeichner und Autoren mitwirken.
[...]
Übrigens arbeiten wir beide auch noch für andere Auftraggeber als Illustratoren oder kreieren Zeitungscomics.

- Als Verleger bist du also seit 2009 aktiv, als Zeichner und Autor ja schon seit den 80er Jahren. Gibt es denn einen Trend in der Comicbranche, mit dem du überhaupt nichts anfangen kannst?
S.D.: Ach, ich finde eigentlich alles ok, es gibt keinen Trend, den ich generell ablehnen würde. Ich finde immer etwas, das mir gefällt! Die Szene ist im Moment so vielfältig, wie ich es noch nie gesehen habe, es gibt Manga, Fantasy, sogar Krickelkrackel geht, wenn es gut gemacht ist… [...]
Das einzige, was mir missfällt, ist wenn gewisse Trends aufgebauscht werden. [...]

- Bietet ihr eure Comics auch als e-book an?
S.D.: Nein, zurzeit nicht. Bei Webcomics und ähnlichen Produkten geht die Entwicklung so schnell, dass ich nicht weiß, wo wir mit welcher Plattform anfangen sollten. [...]
Comics wollen gelesen werden, und wir wollen, dass die Leute die Comics lesen – also stecken wir unsere Kraft und Energie lieber in schön gemachte Printprodukte!

- Was sind denn für euch Merkmale eines schönen beziehungsweise eines guten Comics?
S.D.: Ein guter Comic sollte leicht lesbar sein und eine gewisse grafische Brillanz besitzen. Das heißt nicht unbedingt, dass er toll gezeichnet sein muss, das kann auch ruhig krickel-krackelig sein, aber dann bitte durchgehend, nicht mal-so-mal-so. [...] Wichtig sind auch das Lettering – es sollte sich dem Lesen nicht widersträuben - und eine gekonnte Augenführung: Ich achte darauf, wie mich der Zeichner als Leser über die (Doppel)seite führt. Bringt er die spannenden Momente so, dass er mich zum Umblättern motiviert, oder geschieht alles Spannende auf der rechten Seite, wo ich’s sofort sehe? [...]
Ein guter Comic ist im besten Fall auch gut geschrieben, für mich ist es wichtig: Wie sprechen die Personen miteinander, wirken die Dialoge echt, aus dem Leben gegriffen?
Ansonsten bin ich da sehr offen, auch wenn ein Comic mich spontan zum Lachen bringt, ist es ein guter Comic für mich!

- Danke für die ausführliche Antwort! Das ist ja ein ganz schöner Katalog. Wie findet ihr solche guten Autorinnen und Zeichner?
S.D.: Also, zum einen haben wir Stammzeichner – die aber alle außer für uns auch noch für andere Verlage tätig sind – wir nehmen aber auch neue an. [...]
Wir betreiben aber auch aktive eigene Recherche im Netz – was zurzeit im Netz passiert, als Webcomic oder in noch ganz anderen Formen, gehört sicher mit zum Spannendsten von dem, was gerade abgeht in der Comicszene. Und dann schauen wir uns auch Fanzines oder Magazine und Anthologien wie „Jazam!“ genau an [...].

- Das ist interessant, ihr seid bisher die einzigen, die aussagen, dass sie auch selbst aktiv nach Zeichnerinnen und Zeichnern suchen. Was erwartet ihr eigentlich generell von einem Autor?
S.D.: Dass er einen guten Comic macht, und dass er gute Geschichten erzählen kann, natürlich! Und außerdem eine gewisse menschliche Flexibilität: Wir sollten auch zwischenmenschlich zueinander passen, andererseits kann das die Zusammenarbeit tatsächlich killen. [...] Zumal wir natürlich auch keine riesigen Honorare zahlen können – da sollte man sich dann auch nicht noch menschlich total anöden, wenn man z.B. gemeinsam auf Messen an einem Stand sitzt!

- Und welchen Tipp würdet ihr jungen Zeichnern geben, die einen Verlag suchen bzw. sich in der Comicszene etablieren möchten?
Es ist wichtig, Feedback zu bekommen und sich gedruckt zu sehen. Zum einen gibt es da natürlich das Internet und die ganzen Sozialen Medien, die es einem erleichtern, seine eigenen Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. [...]
Zum anderen sollte man zusehen, dass man in irgendeiner Form auch in Papierform erscheint. Dafür könnte man z.B. versuchen, mit einem Kurzcomic in Anthologien wie „Jazam!“ unterzukommen, weil das einfach einen guten Eindruck davon vermittelt, wie es ist, sich gedruckt zu sehen, [...]. Auf diese Weise bekommt man dann auch ein Gefühl für die drucktechnischen Herausforderungen.
Eine weitere Möglichkeit wäre, über preisgünstige online-Druckereien einfach einmal eine kleine Auflage von seinen Heftchen drucken zu lassen, um diese dann auszulegen und unter Freunden und Bekannten zu verteilen, mit der Bitte um Rückmeldung natürlich. Wobei bei diesen Aktionen nicht der Gedanke im Hintergrund stehen sollte, damit jetzt schon das große Geld verdienen zu wollen.

- Stichwort Geld: Viel verdienen kann man nicht in der Comicbranche, oder?
S.D.: Naja, man kann schon Geld verdienen mit Comics. Aber man muss halt viel Zeit aufwenden und in Vorlauf gehen. [...] Deswegen bieten wir unseren Autoren und Zeichnern auch ganz unterschiedliche Formen der Gewinnbeteiligung bzw. Honorarausgestaltung an. Manche z.B. wollen lieber ein niedrigeres Honorar, aber erhalten dafür mehrere Kartons ihrer Werke zum Selbstverkauf und machen auf diese Weise ihren Schnitt.
Für viele Kleinstverleger besteht eines der Hauptprobleme darin, überhaupt in den Vertrieb reinzukommen. [...]
Also, reich wird damit zwar keiner, aber es gibt auch ein paar Comickünstler, die von ihren Werken ganz gut leben können [...]
Aber letztlich muss man lieben, was man macht, sonst macht das Ganze ja eh keinen Spaß!
 
GrBa_S - 12.09.14 21:45
Ansprüche beim Publikum sind vorhanden: Interview mit Mark Fischer vom Epsilon Verlag.

Mehr nachzulesen (dort auch mit feschen Bildern) auch unter www.totleger.org.

-Seit wann gibt es den Verlag? Sag doch bitte kurz etwas zum Programm und zur Geschichte von Epsilon.
M.F.: Epsilon gibt es jetzt seit 17 Jahren. Unser erstes Projekt war „Franka“, eine niederländische Krimiserie, die Carlsen zuvor eingestellt hatte. Zunächst handelte es sich um die deutschen Erstveröffentlichungen der neuen Bände, aber bald folgten auch teils erweiterte Neuauflagen der alten Bände, so dass inzwischen die komplette „Franka“-Serie bei uns verfügbar ist.
Generell bringen wir vor allem Alben im franko-belgischen Stil heraus, wobei bereits hinter 20% der Titel deutsche Eigenproduktionen stehen. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal ein Album im Buchformat veröffentlicht, und zwar „Telaya und Dioman – Diesseits der Nacht“ von Helmut Schulz. [...]

- Was ist typisch für den deutschen Comicmarkt? Und wie hat sich das Verlegergeschäft in den letzten Jahren verändert?
M.F.: Aus meiner Sicht gab es eigentlich nicht viele Veränderungen. Die Akteure innerhalb der deutschen Comic-Verlagsszene bilden einen recht überschaubaren Kreis, und außerhalb der Comic-Szene wissen eigentlich wenige, was es alles so an Alben und Titeln gibt.[...]

- Gibt es denn im Moment einen aktuellen Trend?
M.F.: Im Moment gibt es natürlich den Trend zur „Graphic Novel“, und im Prinzip handelt es sich bei vielen meiner Titel ja auch um Graphic Novels – ich verleih meinen Titeln allerdings kein Etikett, ich schreib also nicht drauf, dies ist ein Comic und jenes ist eine Graphic Novel – es muss den Lesern einfach gefallen, und dafür spielt es glaube ich keine große Rolle, welches Etikett vorne draufsteht!

-Bietet ihr eure Comics auch als e-book an?
M.F.: Einige, aber ich verzeichne da keine große Nachfrage, erstaunlicherweise läuft sogar Werbung besser im Print, viele Leser stoßen über meine gedruckte Programmübersicht auf den Epsilon-Verlag.

-Was sind für dich denn generell Merkmale eines guten Comics?
M.F.: Ein guter Comic muss mich einfach ansprechen; er sollte spannend oder lustig sein, oder am besten beides zusammen, und dann muss der Zeichenstil in sich stimmig und professionell wirken.

- Und wie findest du solche Autoren/Zeichner?
M.F.: In der Regel muss ich da gar nicht viel machen, die Zeichnerinnen und Zeichner kommen von selbst auf mich zu. [...]

- Was erwartest du noch von einem guten Comickünstler?
M.F.: Einfach Qualität! Vor allem gute Geschichten! Und darüber hinaus noch ein gewisses Engagement. [...]

-Wie langfristig im Voraus wird das Verlagsprogramm geplant?
M.F.: Wir haben ja viele Serien im Programm, die laufend fortgesetzt werden, da ist die Planung schon sehr langfristig angelegt. Aber kurzfristige Aktualisierungen sind auch immer irgendwie dabei – z.B. eben das schon erwähnte „Telaya und Dioman“ von Helmut Schulz, das ist ein so schönes Projekt, da habe ich es dann kurzfristig noch mit für dieses Halbjahr aufgenommen, es hat mir halt einfach gefallen!

- Welchen Tipp würdest du jungen Zeichnern geben, die einen Verlag suchen bzw. in der Comicszene ihren Weg finden möchten?
M.F.: Also, auf alle Fälle: Üben, üben, üben!
Und dann sollte man den Markt ein bisschen im Auge haben und schauen, was es da alles so gibt – auch, um sich selbst und sein Können richtig einschätzen zu können: Bin ich wirklich schon reif genug für eine Veröffentlichung, kann ich da schon mithalten? Denn Ansprüche beim Publikum sind durchaus vorhanden! Mir ist es immer lieb, wenn jemand schon eine gewisse Erfahrung und Professionalität aus der Zeichenbranche mitbringt, neue gute Comic-Künstler müssen also nicht unbedingt immer sooo jung sein!
 
GrBa_S - 27.08.14 21:18
Tipps vom Verlagsprofi: Eine gute Geschichte allein reicht nicht! Wolf Stegmaier von Egmont Graphic Novel im Interview.

- Wolf, euch gibt es ja noch nicht so lange. Sag doch bitte zu Beginn kurz etwas zum Programm und zur Geschichte von Egmont Graphic Novel
W.S.: Ja, das stimmt, wir sind ein relativ junges Graphic Novel Label. Als Comic-Verlag sind wir schon älter und größer, und mit der Egmont Comic Collection machen wir in erster Linie Hefte wie „Asterix“, „Lucky Luke“, die Walt-Disney-Serien – eben die bekannten Themen, die eigentlich jedes Kind kennt. Vor drei Jahren haben wir dann beschlossen, dass auch wir uns auf den Wachstums-Markt der Graphic Novels vorwagen wollen. [...] Wir haben dann festgestellt, dass bei den Graphic Novels viele „schwere“ Themen am Start sind. Dem wollten wir dann etwas entgegensetzen und haben gesagt, wir machen Bücher mit positivem Tenor, leicht und locker erzählte Stoffe – was natürlich bestimmte Themen von vornherein auszuschließen schien.

- Kannst du ein Beispiel für so einen Titel mit positivem Tenor nennen?
W.S.: Eines unserer ersten Projekte war „Die Ignoranten – Wenn Wein und Comic sich begegnen“ von Étienne Davodeau, eine Übersetzung aus dem Französischen. Das ist deshalb so faszinierend, weil man sich beim Hören des Titels natürlich fragt, was sollen Weinbau und Comic denn miteinander zu tun haben, wie passt denn das zusammen? [...]Die Parallelen sind gar nicht so weithergeholt, wie es zunächst vielleicht schien. Der gemeinsame Nenner heißt Leidenschaft und Selbstverwirklichung, und es macht einfach Spaß, den beiden Figuren auf ihrem Weg zu dieser Erkenntnis zu folgen.

- Und inwiefern haben sich die Erwartungen, die mit der Neugründung des Labels verbunden waren, bis jetzt erfüllt?
W.S.: Unser Ziel war es, auch Leserinnen und Leser außerhalb der „klassischen“ Comic-Leserschaft zu finden, und ich denke, das haben wir schon erreicht.

- Was unterscheidet denn die Comic-/Graphic Novel-Szene von der belletristischen Literaturszene?
W.S.: Also, ich sehe da inhaltlich keine so großen Unterschiede – die Themen und Stoffe sind für Romane und Graphic Novels eigentlich dieselben. Und bei den Graphic Novels ist es so, dass der Trend weg geht vom großen Albumformat und hin zu kleineren Buchformaten [...]

[...]So haben wir schon im zweiten Halbjahresprogramm mit „Zweite Generation – Was ich meinem Vater nie gesagt habe“ von Michel Kichka eine Erzählung im Programm, die sich mit der zweiten Generation nach dem Holocaust auseinandersetzt. Aber die Figuren werden hier auf eine so persönliche und liebevolle Weise geschildert, dass die Lektüre den Leser eben trotz des Themas nicht herunterzieht oder deprimiert zurücklässt [...].

- Wie langfristig im Voraus wird das Verlagsprogramm geplant?
W.S.: Aus Vertriebsgründen für die Zusammenarbeit mit den Buchhandlungen und für Partner wie z.B. Amazon wird das Programm sehr langfristig im Voraus geplant, wir sprechen hier von einem Zeitraum von etwa anderthalb Jahren.

- Und noch eine Frage aus der eher „handwerklichen“ Praxis: Wo lasst ihr eure Bücher drucken?
W.S.: Wenn ich jetzt wieder an die großen, übergeordneten Egmont Verlagsgesellschaften denke, dann lassen wir die Mangas z.B. alle in Deutschland drucken – oft hört man ja, dass man in Deutschland nicht zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis drucken lassen kann, aber das entspricht nicht unserer Erfahrung. [...]

- Bietet ihr eure Comics auch als e-book an?
W.S.: Im Moment nicht, aber es ist auf alle Fälle geplant. Aber die Frage war für uns zunächst nicht so drängend, weil bei unseren Projekten und Veröffentlichungen das haptische Lese-Erlebnis ganz klar im Vordergrund steht. [...]

- Was sind für euch Merkmale eines guten Comics?
W.S.: Ein guter Comic muss spannend und packend zu lesen sein, und er muss eine atmosphärische Dichte aufbauen! Außerdem müssen Text und Bild Hand in Hand gehen, vom Grafischen und auch von der Erzählung her.

- Wie findet ihr Autoren/Zeichnerinnen? Und wie finden die Autorinnen/ Zeichner euch?
W.S.: Wir haben viele Übersetzungen im Programm, die wir über andere Verlage aus dem Ausland finden, auch Literaturagenturen, die unser Programm kennen, sprechen uns häufiger an. [...]

- Was erwartet ihr von einem Autor? Und was tut ihr für ihn?
W.S. Natürlich erwarten wir zuerst, dass sie oder er einen guten Stoff zum Erzählen hat. Aber eine gute Geschichte allein reicht nicht, um Erfolg zu haben. Dazu gehört auch eine gewisse Offenheit und Medienaffinität, also dass der Autor z.B. bereit ist, an Podiumsdiskussionen teilzunehmen, Interviews zu geben und so weiter. Was wünschen wir uns auf der persönlichen Ebene? Da fällt mir als allererstes eine gewisse Kooperationsfähigkeit ein.
Umgekehrt tun wir auch etwas für den zeichnerischen Nachwuchs: Wir stiften z.B. das Egmont-Comic-Stipendium, bei dem der Gewinner ein Stipendium in Höhe von 5.000 Euro für die Fertigstellung eines Comics oder einer Graphic Novel erhält. Außerdem wird der Titel in unserem Programm veröffentlicht. Die Preisträgerinnen und Preisträger auf den zweiten und dritten Plätzen erhalten eine Reise zum Comic-Salon Erlangen, um hier noch mehr „Comic-Luft“ zu schnuppern.

- Bekommt ihr viele (unaufgeforderte) Manuskripte?
W.S.: Ja, und die Qualität ist sehr unterschiedlich.

- Welchen Tipp würdet ihr denn jungen Zeichnerinnen geben, die einen Verlag suchen bzw. sich in der Comicszene etablieren möchten?
W.S.: Also, zuallererst würde ich demjenigen sagen: „Bleib dran!“ Man braucht auf alle Fälle eine Portion Hartnäckigkeit, um veröffentlicht und auch wahrgenommen zu werden.
Dann, zum zweiten, lautet mein Ratschlag: „Arbeite an dir!“ Das meinte ich zum Teil auch mit der bereits erwähnten Kooperationsfähigkeit. Man muss einfach auch konstruktive Kritik einstecken können und versuchen, diese bei der weiteren Arbeit umzusetzen. Wir erleben es auch tatsächlich oft bei den eingesandten Manuskripten, dass das zeichnerische und das erzählerische Talent auseinanderfallen. Das geht manchmal so weit, dass wir demjenigen Künstler dann gerne empfehlen würden, die Zeichnungen von jemand anderem machen zu lassen, oder aber sich für die Texte und die Dramaturgie der Geschichte eine Co-Autorin zu suchen. Für solche Vorschläge sollte man schon offen sein.
Außerdem empfehle ich Nachwuchstalenten den Besuch des Comic-Zeichner-Seminars von Paul Derouet hier in Erlangen, das regelmäßig zum Comic-Salon stattfindet und bei dem man viele wertvolle Tipps und Anregungen erhält.
Und auf jeden Fall sollte man aktiv den Kontakt zu Verlagen suchen und nicht aufhören, sich Rückmeldungen zu holen.


Das komplette Interview könnt ihr auf http://www.totleger.org unter dem Menüpunkt "Interviews" nachlesen.

 
GrBa_S - 17.08.14 21:15
Nicht nur für Zombie-Fans interessant: Andreas Mergenthaler vom Cross Cult Verlag im Interview.
Das vollständige Interview ist nachzulesen auf http://www.totleger.org unter 'Interviews'.

Seit der Verlagsgründung 2002 liegt der Schwerpunkt von Cross Cult auf Kult-Comics aus dem US-anglophonen und franko-belgischen Raum. Zu den bekanntesten Titeln zählen „Sin City“, „Hellboy“ oder „The Walking Dead“.

- Wie war das am Anfang? Sag doch bitte kurz etwas zum Programm und zur Geschichte von Cross Cult!
A.M.: Science Fiction, Abenteuer, Unterhaltung, Fantasy - das sind die Schlagworte, mit denen sich unser Programm beschreiben lässt.
Vor 12 Jahren haben wir angefangen als Grafikdienstleister für Comic-Verlage wie Carlsen zu arbeiten. Schon bald dachten wir damals, warum probieren wir es nicht einfach mal selbst aus mit einem Verlag, das kann doch kein Hexenwerk sein? – Damals wurden dann gerade die Rechte von „Hellboy“ frei, und wir wussten, dass zwei, drei Jahre später auch noch ein Film folgen würde. Daraufhin haben wir uns um die Rechte bemüht, und weil grad kein anderer interessiert war, haben wir die auch bekommen! [...]
Zurzeit ist „The Walking Dead“ natürlich unsere ganz große Nummer!

- Was ist mit deutschen Künstlern? Ihr habt doch auch „Steam Noir“ von Felix Mertikat und Verena Klinke im Programm?
A.M.: Mit deutschen Künstlern ganz von Anfang an neue Geschichten zu entwickeln, würde für uns recht viel Aufwand bedeuten, sodass wir uns eher auf Übersetzungen und Independent-Sachen aus dem Ausland spezialisiert haben. [...]

- Wie hat sich denn das Verlegergeschäft in Deutschland in den letzten 10 Jahren aus eurer Sicht verändert?
A.M.: [...] Generell ist der Comic-Markt in Deutschland vielfältiger geworden und sehr in die Breite gegangen im Verhältnis zu früher, aber die Auflagen sind dadurch auch dementsprechend in den Keller gegangen – was früher 100.000 waren, sind heute vielleicht 5.000 Stück! [...]

- Bietet ihr eure Comics auch als e-book an?
A.M.: Ja, das ist aber nicht so einfach: Unsere Erfahrung zeigt, dass die Leser mehr gedruckte Sachen haben wollen. Das liegt wohl daran, dass Comicleser vor allem aus der Sammlerszene kommen, und e-books kann man ja nicht sammeln und sich ins Regal stellen! [...]

- Was sind für euch Merkmale eines guten Comics?
A.M.: Für uns spielt der Unterhaltungsfaktor eine große Rolle, es müssen also gute Geschichten aus den Bereichen Abenteuer, Fantasy und Science Fiction sein. Seit einigen Jahren gibt es ja z.B. auch den Trend, „autobiographische Graphic Novels aus dem Studentenmilieu“ zu publizieren, aber das ist nicht so unser Ding. [...]

- Wie findet ihr eure Autoren und Zeichner? Und wie finden die Autoren/ Zeichner euch?
A.M.: Was den ausländischen Markt betrifft, kaufen wir die entsprechenden Lizenzen ein, und die deutschen Zeichner bzw. Autoren kommen in der Regel von selbst auf uns zu.

- Bekommt ihr viele (unaufgeforderte) Manuskripte?
A.M.: Ja, schon. Leider sind 95% davon nicht verwertbar für uns, weil wir eben vor allem mit ausländischen Lizenzen arbeiten und vieles dann einfach nicht in unser Programm passt.

- Wie langfristig im Voraus wird das Verlagsprogramm geplant?
A:M.: Im Gegensatz zu den großen Verlagen, die meist mindestens ein Jahr im Voraus ihre Titel festlegen, planen wir sehr kurzfristig. Das liegt daran, dass wir uns oft an Filmprojekte dranhängen, und die meisten Dinge ergeben sich da superkurzfristig. Da wird dann z.B. ein Artbook produziert, dass drei Monate vor Filmstart schnell von den US-Verlagen zusammengeschustert wird – und dann heißt es für uns, schnell das Ding einplanen und übersetzen! Das ist auch so ein bisschen unsere Spezialität! [...]

- Welchen Stellenwert hat der Comic-Salon als Veranstaltung für euch?
A.M.: Der Comic-Salon ist schon sehr wichtig für uns. Wir nutzen ihn z.B. als Bühne, um neue Serien zu präsentieren, wie zum Beispiel in diesem Jahr „Gung Ho“. Da achten wir dann schon darauf, dass das Erscheinen entsprechend pünktlich erfolgt, damit wir den Serienauftakt hier als Premiere feiern können, dafür eignet sich der Comic-Salon einfach prima als Aufhänger.
Im Falle von „Gung Ho“ handelt es sich übrigens um einen Re-Import zweier Münchener Zeichner (Anm.: Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant): Die Serie ist so aufwendig gemacht, dass die beiden anderthalb Jahre an einem Album arbeiten. Um das bezahlen zu können, reicht der deutsche Markt nicht aus, deshalb hat das ein französischer Verlag produziert, und wir haben das Projekt dann sozusagen wieder re-importiert!

- Das ist ja interessant! Viel Geld ist also mit dem Comic-Produzieren nicht zu verdienen?
A.M.: Naja, mit den meisten Sachen kann man gerade so über die Runden kommen. Glücklicherweise sind dann auch mal einige Titel wie „The Walking Dead“ dabei, mit denen man dann wirklich Geld verdienen kann. Generell gibt es viele Ein-Mann-Verlage in der Comicbranche, da sind schon ziemlich viele Idealisten unterwegs!

 
GrBa_S - 10.08.14 21:10
Den Anfang macht Eckhard Friedrich vom BSV Hannover: In diesem Thread werden wir nach und nach Ausschnitte aus unseren Interviews mit Verlegern veröffentlichen. Die kompletten Interviews könnt ihr auf unserer Homepage http://www.totleger.org nachlesen.
Teil 3 wird dann aus Interviews mit Comic-Künstlerinnen und Künstlern bestehen. Allerdings wird's noch ein bisschen dauern, bis wir die fertig abgetippt haben !
Wir hoffen, ihr habt Spaß am Lesen, liebe ToonsUpper!

Gespräch mit Eckhard Friedrich, Gründer der Verlage Comic Club Hannover und Bildschriftenverlag Hannover.

Der BSV hat das Ziel, ab der Nr. 207 alle bisher noch nicht in Deutschland erschienenen „Illustrierten Klassiker“ herauszubringen, inklusive der Special Issues (z. B. „Der Erste Weltkrieg“ und „Der Zweite Weltkrieg“ ) . Parallel dazu gibt es auch eine Sonderbandreihe mit Mythen, Sagen und Legenden aus aller Welt. Darüber hinaus werden Werke von bekannten Comic-Künstlern publiziert, die in Deutschland in dieser Form noch nicht erschienen sind, z. B. Don Lawrence und Frank Frazzetta.

-Du bist vom Comic-Report als „Szene-Urgestein“ bezeichnet worden. Seit wann bist du in der Comic-Szene aktiv?
Eckhard Friedrich: Ich bin seit 1975 als Sammler aktiv – wahrscheinlich besitze ich die größte Sammlung Norddeutschlands – und seit 1985 auch als Herausgeber. Damals habe ich den Verlag „Comic Club Hannover“ (CCH) gegründet. 2001 habe ich den Bestand des CCH an Bernhard Maas übergeben, weil ich beruflich anderweitig sehr eingespannt war, und seit 2012 bin ich mit meinem neu gegründeten Bildschriftenverlag Hannover (BSV) wieder als Verleger tätig.

- Kannst du ein bisschen über das Programm der Verlage erzählen?
E.F.: Das erste Projekt des CCH waren die „Spione der anderen Erde“. Die Serie war ursprünglich in den 50er Jahren als Zeitungsstrip in der BILD-Zeitung erschienen. Ziel war, alle Streifen, die in Deutschland erschienen waren, als Piccolos neu herauszugeben, und das war 1991 dann mit Erscheinen der Nr. 70 auch geschafft!
[...]
Das alles habe ich nebenher betrieben, neben meiner eigentlichen Arbeit als Lehrer. Während meiner zehnjährigen Tätigkeit als Schulleiter musste das Comic-Herausgeben dann etwas zurückstehen. Nun, wo ich pensioniert bin, kann ich mit dem „Bildschriftenverlag“ eigenen Träumen wieder ein bisschen nachgehen. Seit 2012 führe ich die Heftserie „Illustrierte Klassiker“ fort, d.h. diejenigen Hefte ab der Nr. 207, die in Deutschland bisher nicht erschienen sind. Bisher erschienen sind die Hefte bis zu Nummer 220, plus die Sonderbände „Der Schatz der Nibelungen“ und „Siegfrieds Rache“, außerdem als Extras „Der Erste Weltkrieg“ im Paperback und die „Don Lawrence Western“ als Album.

- Du hast also 2 Verlage gegründet und bist seit 30 Jahren im Geschäft. Wie hat sich die Comic-Szene in Deutschland in den letzten 30 Jahren aus deiner Sicht verändert?
E.F.: Es gibt heute eine enorme Vielfalt! Das ist ein viel stärkeres Angebot als in den 80er Jahren, und es sind auch viele sehr gute Sachen dabei. Früher z.B. habe ich bei solchen Veranstaltungen wie dem Comic-Salon alles gekauft, was neu erschienen war – das kann ich heute nicht mehr machen, dann wäre ich pleite (lacht)!
Der Markt ist also viel mehr in die Breite gegangen. Das hat aber auch zur Folge gehabt, dass die einzelnen Auflagenzahlen stark zurückgegangen sind – heute gilt es als Erfolg, wenn jemand 500 Stück von einem Titel verkauft, dafür hätte man sich früher nicht bewegt! Und trotzdem – auch Auflagen von 1000 Stück sind nicht genug, um davon leben zu können.
Es gibt aber auch eine Sache, die gleich geblieben ist, denn seit den 80er Jahren höre ich eigentlich immer, der Comic-Markt ist in einer Krise. Daraus ergibt sich wohl die Frage, wie man Krise eigentlich definiert!

- Wie siehst du denn dann die Zukunft des Comic-Marktes in Deutschland?
E.F.: Die heutige „Krise“ des Comic-Marktes besteht wohl in der Befürchtung, dass man vom Buch wegkommen könnte, das hört man heute überall. Ich denke aber, dass für viele Sammler und Leser vor allem das Haptische den Reiz des Comics ausmacht, also dass man das Papier, die Zeichnungen ganz konkret anfassen kann. Daher glaube ich, dass der Comic in Buchform bleiben wird.
Die Auflagen werden aber wohl noch ein bisschen weiter runtergehen, dafür wird das Angebot breiter; und die Qualität wird immer besser!
[...]

- Du sagst, auch vom Verkauf einer Auflage mit 1000 Stück könne man nicht leben, und du selbst hast die Verlegertätigkeit immer nebenher betrieben, neben einem eigentlichen „Brotberuf“. Kann man denn überhaupt etwas damit verdienen?
E.F.: Die Ausgaben und Einnahmen halten sich bei mir ziemlich die Waage, es kommt finanziell nicht so viel dabei heraus, zum Leidwesen meiner Frau (lacht). Aber es ist eine Erfüllung, das fertige Produkt in den Händen zu halten - und die Freude darüber mit anderen zu teilen!
Man sollte sich fürs Comicmachen natürlich nicht ruinieren, aber ein bisschen Idealismus ist immer mit dabei!

- Eine Herausforderung besteht auch darin, eine gute Druckerei zu finden. Wie ist dir das gelungen?
E.F.:Meines Wissens kann man solche Projekte wie die „Illustrierten Klassiker“ in Deutschland nicht gewinnbringend im Offsetverfahren drucken. Ich habe gute Erfahrungen mit Druckereien in Polen und Litauen gemacht, und mit Hilfe des Internet ist ja auch der Datentransfer kein Problem mehr heutzutage.
Qualität spielt für mich generell eine große Rolle! Deswegen lasse ich auch alles im Offset-Verfahren drucken. Hinzu kommt, dass ich ja aus der Sammler-Szene komme, und der Reiz des Sammelns liegt eben darin, dass so eine Auflage irgendwann vergriffen ist und man nicht mal eben schnell 20 Exemplare per Digitaldruck nachdrucken kann.


 
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